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06.06.11 14:53 Alter: 9 Jahre
Von: Arno Kral / Nina Eichinger

TELI-Jour-fixe: Forschen im Ruhestand – mit Hirn und Herz zum Start-Up

Wie angewandte physikalische Chemie Gläser veredelt. Ein Blind-Test mit Wasser, Brandy und Whisky im Internationalen PresseClub München.


TELI-Logo

München – Am Dienstag, den 31. April 2011, zeigte Wissenschafts-Journalist Dr. Gert Latzel im Internationalen PresseClub München, dass Ruhestand nicht gleichbedeutend mit "Sich-zur-Ruhe-Setzen" sein muss. Denn Dr. Latzel hat ein physikalisch-chemisches Verfahren zur Glas-Veredelung entwickelt, das es in sich hat.

Denn Glas ist nicht gleich Glas – das weiß jeder, der schon einmal Champagner aus einem gewesenen Senf-Gebinde schlürfen durfte, oder Bier aus einem zwar bruchfesten, aber dafür auch trinklusttötenden Polypropylenbecher. Doch selbst dem Getränketyp zu-designte Gläser können noch gläserner werden – wenn man sie nur entsprechend zu behandeln weiß. Denn den Geschmack bildet nicht nur das Getränk an sich, sondern auch dessen Wechselwirkung mit seiner Umgebung. Da schmiegen sich ja Oberflächen aneinander, die unterschiedlicher nicht sein können: Oben ist es unvermeidlich Luft, gegen die die Flüssigkeit qua Oberflächenspannung eine Art Häutchen bildet. Unten und rundherum ist es das Glas – und dessen Oberfläche interagiert mit dem, das sie umschließt, ebenso. Diese "Glas-Wasser-Phase" kann Chemiker Dr. Gert Latzel durch gezielte Behandlung (nicht Beschichtung) nachhaltig so verändern, dass eine verblüffende Geschmacks-Verbesserung eintritt – und es auch beweisen.

Dr. Gert Latzel berichtete vor TELI-Mitgliedern und weiteren interessierten Journalisten und Wissenschaftlern über sein Glasveredelungsverfahren und, wie es dazu kam. (©Smartmedia PresSservice)

Im Jahr 2006 hatte Dr. Latzel auf der Internationalen Handwerksmesse München (IHM) erstmals "breathable glass" der Glashütte Valentin Eisch, das heute unter dem Markennamen "Sensis plus" im Handel ist, kennen gelernt. Nachdem sein wissenschaftliches Interesse aber mit mehr oder minder esoterischen Erklärungen abgetan und das Vorliegen einer Beschichtung verneint worden war, hatte sich Dr. Latzel seine eigenen Gedanken zu dem "Wie" gemacht. Wie erreicht man ohne Beschichtung eine Oberflächenveränderung bei Glas? Zufällig war von einer früheren Erprobung für die ersten Gehversuche ein kleineres Ultraschallbad, wie es ebenfalls von Optikern für die Brillenreinigung verwendet wird, im Haus. Die Firma (ELMA, Singen am Hohentwiel), von der das Ultraschallbad als kostenlose Leihgabe stammte, ünterstütze über Jahre hinweg tatkräftig die Entwicklung des Behandlungsverfahrens, da die Kontaktpersonen von Anfang an von den poitiven Eigenschaften der Testgläser voll überzeugt waren. So entstand ein standardisiertes Verfahren, an dessen Ende alle behandelten Gläser per Hand mit einem α für active glass signiert werden.

Latzel: "Dank an Herrn Eisch: Ohne seinen Anstoß wäre ich nie  auf meine Patentidee gekommen. Aber ich habe auch kein schlechtes Gewissen: Erich Eisch hat mir keine Firmengeheimnisse verraten!"

Als echter Naturforscher trat Dr. Latzel dann 2009 auf der Analytica an zwei Firmen heran, um die Oberfläche "seiner" Gläser genauer unter die Lupe nehmen zu lassen, und nachdem ihm eine der beiden Firmen nach ca. sechs Wochen alleine aufgrund ihrer Mikroskopie das Verhalten von Kohlensäure-haltigem Mineralwasser richtig vorhersagen konnte und ihm die Untersuchungs-Ergebnisse zugesandt hatte, wusste Ruhestandsforscher Latzel, dass seine Ableitung korrekt war. Daraufhin folgte die Firmengründung der Latzel Glasveredelung UG (haftungsbeschränkt). Schon 2007 hatte sein Sohn, der Patentanwalt Dr. Klaus Latzel, die Patentanmeldung als Geburtstags-Geschenk in die Wege geleitet. Die Offenlegung der Patentanmeldung hat im Februar 2009 fristgerecht stattgefunden.

Für seinen TELI- Vortrag hatte Dr. Gert Latzel zwei Parallel-Verkostungen aus behandelten und unbehandelten Gläsern angesetzt: Einmal mit Kohlensäure-haltigem Mineralwasser und einmal mit dem griechischen Brandy "Metaxa". Jeder der 14 anwesenden Journalisten fand auf dem Tisch vor sich jeweils zwei Gläser-Paare der Firma Stölzle aus der Lausitz mit Sitz in Weißwasser zu einem Blindtest vor.

Für den Mineralwasser-Vergleich (Marke Cascada):

  • Biertulpen Grand Cuvee und
  • Riesling Weißwein Größe 03

Für den Test mit Metaxa:

  • Destillat Classic F200/30 und
  • Whiskey Glencaim

Dr. Latzel war sich seiner Sache durchaus sicher, denn "bei Spitzen-Sommeliers bin ich noch nie baden gegangen", weiß er zu berichten. Allein im Vorfeld zum Weinforum 2009 inPullach hatten die deutschen Sommeliers Markus del Monego, Christoph Frens und Axel Biesler und der erste Bier-Sommelier-Weltmeister, der Österreicher Karl Schiffner ("Bier passt zu allen Gerichten") die Trinkglöser der Latzel Glasveredelung UG "getestet und für gut befunden". Ihre Erfahrung zeigt, dass die Latzel-Gläser bei 75% der Verkostungen Vorteile bieten, aber es ist ebenso möglich, dass ein schlechter Wein noch schlechter präsentiert wird.

Der TELI-Jourfixe-Vortrag war für den Erfinder aber nicht nur Marketing, sondern gleichzeitig angewandte Forschung. Denn beim Geschmack gehen die Meinungen oft schnell auseinander. Latzel wusste zu berichten, dass etwa ein Weinhändler in Coburg auf die Glasform hereingefallen war, eine renommierte Winzergenossenschaft lediglich im Schnelldurchgang mit eingefahrenen Methoden getestet hatte oder gerade der Geschäftsführer eines renommierten Glasherstellers ein unsicherer Sensoriker gewesen sei. Daher legte der Referent Wert auf einen unabhängigen Test unter den Technik- und Wissenschaftsjournalisten, zu denen sich einige prominente Gäste aus dem Internationalen PresseClub München gesellt hatten.

In der ersten Verkostungsrunde schenkte Dr. Latzel Mineralwasser aus und bat die Tester, dieses Getränk 

  1. sofort nach dem Einschenken,
  2. nach zehn Minuten und 
  3. erneut nach dreißig Minuten

nach Kriterien wie Spritzigkeit, Blasenbildung, Frische und Geschmack zu beurteilen, auch wie das Getränk perlt oder ob das Glas beschlägt, wobei die Tester "beim langsamen Schlucken im hinteren Teil des Gaumens auf den Geschmack des Wassers" achten sollten.

Ein Plus an Frische: An der Zusatzprobe mit Bier am Arbeitsplatz des Sitzungsleiters Arno Kral: Der Unterschied zwischen den Gläsern ließ sich bereits mit bloßem Auge erkennen. (©Smartmedia PresSservice)

Die Gläser waren zwar markiert, doch keiner der Tester wusste, welches behandelt und welches im Urzustand war. Nach der ersten Verkostungsrunde wurden die Anwesenden gebeten, ihr Urteil abzugeben. Erst danach wurde das Geheimnis gelüftet. Die einhellige Meinung der Anwesenden: In dem einen Glas schien das Mineralwasser länger frischer und spritziger zu schmecken. In der Tat bildeten sich in den unbehandelten Gläsern zu Beginn größere Gasblasen als in den behandelten, ein Hinweis darauf, dass die Oberfläche der behandelten Gläser die gelöste Kohlensäure anders freisetzt. Augenscheinlich hatte sich auf der Außenseite des einen Glases ein deutlicher Beschlag kleiner Wassertröpfchen bis zur Füllhöhe des Inhalts gebildet, was beim Parallelglas praktisch nicht auftrat. Dies wurde noch durch die Nebenbeobachtung eines weiteren TELI-Gastes unterstrichen: Das eine Glas fühle sich sogar etwas kühler an. Latzels Erklärung: "Ich habe gemessen, dass es tatsächlich etwa 0,5 Grad kühler ist. Das rührt daher, dass an der Oberfläche des behandelten Glases immer noch Kohlendioxid frei gesetzt wird, was zu einer Abkühlung und folglich zum Beschlagen des Glases führt." 

Dann folgte, in einem weiteren Gläserpaar, der Metaxa, der die Mineralwasser-Beobachtungen ergänzen sollte. Dieses Mal spielten weder Blasenbildung, noch Beschlagen oder Perlen eine Rolle, auch kam es nicht auf Spritzigkeit oder Frische an sondern einzig auf die Freisetzung von Aromen und Geschmack. Und erneut zeigte sich die eine Gläser-Gattung der anderen weitgehend überlegen. Zwar war die Meinung dieses Mal nicht einhellig, aber mehrheitlich wussten die Tester den Geschmack der behandelten Gläser als "runder", "weicher" oder "fruchtiger" zu beschreiben. Selbst der Alkohol würde nicht so sehr hervorschmecken, meinten einige der Anwesenden. Als Erklärung für das größere Geschmackserlebnis bietet der Erfinder den chemischen Vorgang der Katalyse an, der laut Wikipedia über "die Einleitung, Beschleunigung oder Lenkung chemischer Reaktionen durch Beteiligung bestimmter Stoffe, so genannter Katalysatoren [bezeichnet], die sich bei diesem Prozess nicht aufbrauchen" erkärt wird. Dr. Gert Latzel: "Katalyse setzt die Aktivierungsenergie für chemische Prozesse herab und sorgt für eine schnellere Einstellung eines Gleichgewichts". Einer der Tester, Dr. Till Uwe Keil, freier Journalist, Scriptor und Moderator für Fachtexte aus Medizin und Wissenschaft, berichtete spontan sogar von einem deutlichen Geruchsunterschied. 

Möglicherweise stellen sich aber noch weitere Vorteile ein, welche noch zu erforschen sind. "Man muss heute Ideen haben und sich für ihre Durchsetzung engagieren. Kreativität und Wissen um moderne Erkenntnisse anstatt strikte Bewahrung der Tradition sind notwendig!

Dass Tradition nicht zwangsläufig geographische Bindung bedeuten muss, zeigte sich gegen Ende der TELI-Veranstaltung. Um das Experiment auf Unvorbereitetes auszuweiten, hatte Moderator Arno Kral, Herausgeber des Tom's Networking Guide und Vorstandsmitglied im TELI-Regionalkreis Süd, eine Flasche "Slyrs" zur Verkostung bereit gestellt. Dieser Bavarian Single Malt Whisky war Dr. Gert Latzel von früheren Kontakten mit der Herstellerfirma auf der Prowein in Düsseldorf bekannt, war aber noch nie Gegenstand einer Verkostung gewesen. Und erneut zeigte sich die geschmacksverstärkende Wirkung der Latzelschen Glasveredelungsmethode: Weich, rund und mild ist dieses Getränk aus den bayerischen Bergen am Schliersee von Haus aus. Aber in der Probe aus behandelten Gläsern mundete er doch noch erheblich besser.

So endete der ausgedehnte TELI-Jourfixe in einer lockeren Runde der verbliebenen TELI-Besucher, darunter Roland Gemperlein, Professor der LMU München i.R. beim Biocenter, mit einem intensiven Austausch über das, was zu tun ist, wenn die wissenschaftlichen Hürden erst einmal genommen sind, und der These die Synthese zu einem verkaufsfähigen Produkt folgen soll. Dann bestimmen nicht länger wissenschaftliche Überlegungen den weiteren Weg, sondern wirtschaftliche: Forschung und Entwicklung, die Patent-Anmeldung und -Behauptung, Partner- und Finanzierungs-Suche, die Markteinführung und Vermarktung. Erste Erfolge aber machen Mut, wie der Orders eines größeren Kontingents von Latzel-Gläser durch G Data für deren Messestand auf der CeBIT 2011 und für den Club of Slow in Bochum. Der neue CV-Leiter des Conviviums Mittleres Ruhrgebiet zählt zu den feurigsten Verfechtern der Latzelschen Glasveredelungstechnik. Auf dem Weg zum Start-Up aber liegen nicht nur Meilen- sondern auch Stolpersteine – davon wusste Dr. Gert Latzel zum TELI-Jourfixe ebenfalls zu berichten.

Als nächstes will Dr. Gert Latzel auch andere Glasgegenstände veredeln und testen, ob auch bei diesen vergleichbare vorteilhafte Effekte auftreten. Denn veredeln lassen sich selbst einfache Natron-Gläser, also einfache Biergläser also, die danach 300 Spülgänge locker überstehen: Veredelte Gläser brauchen zur Regenerierung des positiven Effekts sogar die intensive Wäsche in der Spülmaschine. Einzig bleihaltige Kristallgläser sind wahrscheinlich ungeeignet: "Das Blei-Milieu stört wahrscheinlich den Veredelungs-Prozess", erklärte Gert Latzel.

Interessant könnte ist die Technik aber auch für ganz andere Anwendungsgebiete sein, was aber noch Zukunftsmusik ist. Vorrangig bleibt erst einmal die Markteinführung der veredelten Trinkgläser – nicht im Fast-Food-Bereich, sondern bei Kunden, die ihre Getränke wirklich genießen wollen und können.


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